Konflikt um Taiwan: Deutsche Unternehmen überdenken ihr China-Geschäft

Der Konflikt zwischen China und Taiwan schwelt weiter. Hält die Krise an könnte, das verheerende Folgen für die Wirtschaft haben. Taiwan gilt als wichtiger Vorlieferant, auf den auch viele deutsche Unternehmen nicht kurzfristig verzichten können

Was undenkbar war, wurde plötzlich doch denkbar, wie es der Außenwirtschaftschef des Maschinenbauverbands VDMA, Ulrich Ackermann, formuliert. „Der Krieg in der Ukraine hat viele Firmen aufgeschreckt", sagt er . Angesichts der drohenden Eskalation der Taiwankrise machten sich aktuell viele Unternehmen Gedanken über ihre zukünftige China-Strategie. „Dabei geht es unter anderem um die Frage, was ein kurzfristiges Wegbrechen des chinesischen Markts für das eigene Unternehmen bedeuten würde, und wie sich das Unternehmen auf die Folgen eines Auseinanderdriftens von USA und China vorbereiten kann."

Das Problem dabei: die Zeit. „Kurzfristig gibt es keine Ausweichmöglichkeiten für die Unternehmen", sagt Ackermann. Schon jetzt bauen Firmen wegen der coronabedingten Störungen sowie Transport- und Logistikschwierigkeiten ihre Liefer- und Wertschöpfungsketten um. „Gerade auch im asiatisch-pazifischen Raum", erläutert Oliver Blank, Bereichsleiter Global Affairs des Verbands der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI) . „Neue Kunden- und Lieferantenbeziehungen aufzubauen, braucht aber Zeit."

Taiwan bezahlt den Besuch von Nancy Pelosi mit tagelangen chinesischen Manövern und Sanktionen gegen den eigenen Exportsektor. Taiwans Repräsentant in Deutschland, Shieh Jhy-wey, sagt dennoch, das sei es wert gewesen. Für sein Land gehe es ums nackte Überleben

Die rund 250 deutschen Unternehmen, die in Taiwan aktiv sind, beobachten die aktuelle Entwicklung in dem Konflikt ebenfalls sehr aufmerksam, wie der Chef der deutschen Außenhandelskammer in Taipeh, Axel Limberg, berichtet. „Zumal von chinesischer Seite auch bereits Wirtschaftssanktionen angekündigt wurden." 

Taiwan ist ein wichtiger Vorlieferant in globalen Lieferketten, für die deutsche Industrie vor allem in der Elektronik und bei Halbleitern. „In unserer hochtechnologischen Welt ist in nahezu jedem Elektronikprodukt ein Bestandteil aus Taiwan verbaut", sagte Dirk Jandura, Präsident des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen (BGA), dem „Handelsblatt". „Eine Eskalation des Taiwankonflikts hätte demnach weitreichende Folgen."

Unternehmen in Deutschland hätten die Lieferketten mit Taiwan deshalb genau im Blick, so Limberg. „Bereits jetzt sorgen Verwerfungen in globalen Lieferketten durch die Corona-Pandemie und den russischen Krieg in der Ukraine dafür, dass Unternehmen teilweise ihre Produktion nicht aufrechterhalten können, weil wichtige Vorprodukte fehlen." Vor allem durch die Umlegung von Schiffsrouten konnten die Logistikprobleme vor Ort laut dem Außenhandelskammerchef aufgefangen werden – noch. „Der Warenhandel über den wichtigen Luftweg funktioniert derzeit."

Die größten Verlierer eines Handelskrieges mit China wären in Deutschland die Automobilindustrie, Unternehmen, die Transportausrüstung herstellen, und der Maschinenbau, wie das IFO-Institut erläutert. Diese Branchen hätten demnach den größten Wertschöpfungsverlust. Die Wirtschaft ruft angesichts dessen zum Dialog auf. Eine Sprecherin des Verbands der Automobilindustrie (VDA) fordert gegenüber ntv.de: „Alle Beteiligten müssen nun gemeinschaftlich dazu beitragen, eine weitere Eskalation zu vermeiden. Dazu müssen vor allem diplomatische Gespräche fortgeführt und intensiviert werden.“ Die Elektro- und Digitalindustrie sieht hier sowohl die Anrainerstaaten im asiatisch-pazifischen Raum als auch die EU in der Pflicht. „Sanktionen hätten massive wirtschaftliche Folgen und sollten immer nur das letzte Mittel sein", so Blank.

„Der Preis für eine vollständige Entkoppelung von China wäre enorm hoch, denn diesen Markt wird man nicht ersetzen können", warnt Blank. China ist der mit Abstand wichtigste deutsche Handelspartner. Im vergangenen Jahr wurden zwischen beiden Ländern Waren im Wert von rund 245 Mrd Euro ausgetauscht. Ein Handelskrieg käme Deutschland laut einer  fast sechsmal so teuer wie der Brexit – angenommen, EU und Deutschland koppeln sich von China ab und das Land reagiert mit Vergeltungsmaßnahmen.

Um sich aus der Abhängigkeit zu lösen, schlägt Mitautor Florian Dorn strategische Partnerschaften und Freihandelsabkommen mit gleichgesinnten Nationen wie den USA vor. Mitautorin Lisandra Flach empfiehlt Unternehmen, sich „nicht ohne Not" von wichtigen Handelspartnern abzuwenden, sondern parallel auf Vorleistungen aus anderen Ländern zu setzen. 

Eine wirtschaftliche Abkopplung von China und anderen autoritären Staaten würde für Deutschland nach Einschätzung der Forscher große Wohlstandsverluste bedeuten. Einerseits würden Absatzmärkte wegbrechen, andererseits würden sich Vorprodukte und Rohstoffe für die deutsche Industrie verteuern. Höhere Einfuhrzölle und andere Handelshemmnisse auf beiden Seiten würden das deutsche Bruttoinlandsprodukt demnach um 0,81 Prozent sinken lassen, also einen beträchtlichen Anteil des gesamten Wirtschaftswachstums kosten.

Im Falle einer umfassenden Rückverlagerung von Industrieproduktion nach Deutschland würde das deutsche Bruttoinlandsprodukt der Studie zufolge um fast zehn Prozent einbrechen. „Die Deglobalisierung könnte nicht nur zu erhöhter Arbeitslosigkeit und geringerem Wachstum führen, sondern letztlich auch die politische Stabilität des Landes gefährden", meinen die Autorinnen und Autoren.

Ackermann vom VDMA fordert von EU und Bundesregierung, China als wirtschaftlichen Wettbewerber sowie Systemwettbewerber zu sehen und entsprechend zu agieren, „indem zum Beispiel gleiche Wettbewerbsbedingungen eingefordert werden". Um langfristig im Systemwettbewerb bestehen zu können, müsse die Wettbewerbsfähigkeit erhöht werden. „Der Ausbau von Forschung und Entwicklung, Bildung und Infrastruktur sowie der Bürokratieabbau sind hier die Stichworte."