Die Vielfalt einer Nation

Neben den ethnischen Ukrainern leben in dem Land Krimtataren, Polen, Juden, Russen, Ungarn, Armenier, Griechen, Deutsche und viele andere. © imago images/Aviation-Stock / Markus Mainka
In der Ukraine leben von je her unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen. Nationalität spielte von daher nie eine große Rolle. Doch durch die Aggression von außen und den Krieg entdecken viele ihre Staatsidentität.
Die Ukraine sei wie Borschtsch, sagt ein Sprichwort: „Es gibt so viele Varianten, wie es Köche gibt.“ Und davon gibt es viele. Denn in der Ukraine leben von je her unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen: neben den ethnischen Ukrainern Krimtataren, Polen, Juden, Russen, Ungarn, Armenier, Griechen, Deutsche und viele andere. Nationalität spielte nie eine große Rolle, denn die Menschen heirateten untereinander. „Ukrainer“ zu sein, was auch immer das bedeutete, war kein großes Thema. Ähnlich wie beim Borschtsch.
Das hat sich 2014 geändert als Russland die Krim besetzte und den Osten der Ukraine mit Krieg überzog. In seiner Ansprache zum Jahreswechsel 2021/22 wandte sich Präsident Wolodymyr Selenskyj denn auch ausdrücklich an „alle Bürger der Ukraine“.
„Sie sind mutig und verantwortungsbewusst. Außergewöhnlich und nicht gleichgültig. Freiheitsliebend und sehr fleißig. Sie sind Millionen und bilden gemeinsam ein großes ‚Wir‘. Die Ukraine hat sich endlich selbst kennengelernt. Ich möchte Ihnen allen, jedem von Ihnen, ganz persönlich Danke sagen! Neujahr ist ein Feiertag, an dem die ganze Familie an einem Tisch sitzt. Und heute sitzt das ganze Land an einem Tisch!“
Auch Olga Altunina entdeckte 2014 ihre Identität als Ukrainerin. Die Unternehmerin kommt aus Slawjansk, einer 100.000-Einwohner-Stadt im Osten der Ukraine. Als vor acht Jahren plötzlich russische Panzer durch ihre Stadt fuhren, floh Altunina in einen Nachbarort. Die ukrainische Armee konnte die Stadt zurück erobern, und Olga Altunina kehrte nach Slawjansk zurück. Sie war schockiert.
„2014 hat meine gesamte Stadt die Besatzer unterstützt. Die gesamte Stadt. Und die wenigen, die etwas gegen die Besatzer sagten, hat man später tot im Fluss gefunden, geschändet, mit aufgeschlitztem Bauch und abgeschnittenen Händen oder Füßen, erschossen oder hingerichtet. Solche Leute gab es nur sehr wenige: Höchstens zehn in einer Stadt mit 120.000 Einwohnern.“
2014 hätten die Bewohner überhaupt keine Bindung an den ukrainischen Staat gehabt, sagt Olga Altunina. Besonders die Alten hätten immer noch der Sowjetunion nachgehangen. Sie aber wollte nicht zurück in die Sowjetunion und auch nicht unter russischer Herrschaft leben.
Daher engagierte sie sich fortan in der Lokalpolitik, um für ihre Region zu kämpfen – als Teil der Ukraine. Und es freut sie, dass im Jahr 2022 tausende Menschen den russischen Besatzern im Süden der Ukraine mit ukrainischen Fahnen entgegentraten: in Cherson, in Melitopol, in Saporischja.
Ganz anders als noch vor acht Jahren in Slawjansk. Für Altunina steht fest: „Hier wird eine ukrainische Nation geboren.“
So etwas wie eine unabhängige Nation mit einem halbwegs festen Territorium hat die Ukraine eigentlich erst seit 30 Jahren. Der Historiker Andreas Kappeler hat sich intensiv mit der Geschichte der Ukraine beschäftigt. Bereits seit dem 17. Jahrhundert hätten die Ukrainer begonnen, ein Nationalgefühl zu entwickeln, jedoch ohne einen eigenen Staat zu haben.
„Das einfachste ist, wenn man, was die ukrainischen Historiker auch in der Regel machen, das Siedlungsgebiet der Menschen, die sich als Ukrainer fühlten oder fühlen bzw. Ukrainisch sprachen, nimmt. Dann ist das staatenübergreifend.“
Das Territorium, auf dem sich diese ukrainische Identität entwickelte, gehörte mal zum Königreich Polen-Litauen, mal zu Österreich-Ungarn. Diese ukrainische Nationenbildung, die eher kulturell begründet war, bildete sich im Westen und im Zentrum der heutigen Ukraine heraus.
„Es ist ein Kennzeichen des Siedlungsgebietes der Ukrainer bzw. der Ukraine überhaupt, dass sie von allem Anfang an polyethnisch war, von Gruppen unterschiedlicher Religion, unterschiedlicher Sprache und Kultur bewohnt war. Polen, Juden, Armenier zum Teil und dann eben in den Gebieten der eigentlichen Ukraine eine Bevölkerungsmehrheit von Ukrainisch Sprechenden.“
Es waren vorwiegend Bauern und Geistliche, die damals Ukrainisch sprachen, erläutert der Historiker Andreas Kappeler. Ukrainisch ist eine slawische Sprache, dicht am Polnischen und Belarussischen, aber auch am Russischen. Einen eigenen Nationalstaat bekamen die Ukrainer erstmals 1918, und das auch nur für wenige Jahre. Bald wurden Teile der jungen Ukrainischen Republik sowjetisch, andere fielen Polen zu.
„Ein wirklich dauerhafter Nationalstaat ist erst 1991 aus dem Zerfall der Sowjetunion hinaus entstanden.“
Dieser Staat, die Ukraine in den Grenzen von 1991, war viel größer als die erste Republik von 1918. Im Osten und Süden kamen Teile hinzu, die lange Moskau unterstanden hatten – erst im Russischen Zarenreich, dann in der Sowjetunion. Auch in diesem östlichen und südlichen Teil der unabhängigen Ukraine lebten viele Völker.
Um zum Beispiel den Donbas zu industrialisieren, siedelte die Sowjetmacht dort zahlreiche Arbeiter aus Russland an. Viele dieser Menschen sind bis heute russischsprachig, vor allem in den Städten im Osten der Ukraine ist Russisch weiterhin Verkehrssprache. Kappeler unterscheidet zwischen der Staatsbürgernation und der Sprach- oder Kulturnation.
„Alle Umfragen bis 2014 haben immer gezeigt, dass auch eine überwiegende Mehrheit der Russischsprachigen loyal zum ukrainischen Staat steht. Das heißt also: ukrainische Nation als ethnische, als Kulturnation, wenn Sie wollen, gespalten, als politische Nation nie wirklich gespalten und heute geeint durch diese äußere Aggression.“
Besonders deutlich wird das im Fall der Krimtataren. Stalin ließ sie nach Zentralasien deportieren. Als die Ukraine unabhängig wurde, kamen sie zurück. Seit 2014 werden sie erneut vertrieben und verfolgt. Sich offen zur Ukraine zu bekennen, ist seit 2014 auf der Krim gefährlich.
Dennoch sagte eine krimtatarische Studentin 2018: „Ich mag die ukrainische Sprache sehr. Ich mag alles, was mit der Ukraine zusammenhängt. Die ukrainische Sprache ist weicher als die russische. Ich gucke auch immer noch ukrainisches Fernsehen.“
Die Ukrainer schöpften Kraft daraus, sich gegenüber größeren Nationen behaupten zu müssen, von denen sie über weite Strecken abhängig waren, erläutert Kappeler. Ein Blick in die ukrainische Literatur bestätigt das. Der Lehrstuhl für ukrainische Literatur an der Universität von Simferopol, der Hauptstadt der besetzten Krim, war schon vor einigen Jahren von den neuen russischen Herrschern auf wenige Unterrichtsräume zusammengeschrumpft worden.
Wiktor Gumenjuk, der Leiter des Lehrstuhls, zeigte Fotos bekannter ukrainischer Schriftsteller von der Krim.
„Das ist der alles überragende Ahatanhel Juchymowytsch Krymskyj. Er hat viele Arbeiten über türkische und arabische Literatur verfasst, und er hat den Koran übersetzt. Krymskyj hat mal gesagt: Ich habe nicht einen Tropfen ukrainischen Blutes in mir, aber ich bin Ukrainer. Denn ich wähle das, was schwächer ist. Auch er hat auf Ukrainisch geschrieben.“