Landkarten, Wahrnehmungen, deutsche Nation

Der amerikanische Historiker Helmut Walser Smith schreibt über „Deutschland“ zwischen 1500 und 2000

Schauen wir für einen Moment zurück in das 17. Jahrhundert, genauer: in das Jahr 1667, knapp zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, der weite Teile von Deutschland schwer in Mitleidenschaft gezogen hatte. Damals erschien, ein Pseudonym benutzend, auf Latein eine Schrift mit dem Titel De statu imperii Germanici, zu deutsch: „Über die Verfassung des deutschen Reiches“. Der Autor war ein bedeutender Geistesarbeiter, Professor an der Universität Heidelberg, ausgestattet mit einem Lehrstuhl für Natur- und Völkerrecht, den er 1670 verließ, um nach Lund in Schweden zu wechseln. Seine Schrift handelte von den deutschen Zuständen, die eingebettet waren in die Verfassungsregularien des Heiligen Römischen Reiches. Wollte man dieses nach den Regeln der aristotelischen Wissenschaft begreifen, argumentierte er, erscheine es wie ein irregulärer, „einem Monstrum ähnlicher Körper“, der sich zu einer „disharmonischen Staatsform entwickelt“ habe. Daher könne man es weder eine „beschränkte Monarchie“ noch eine „Föderation mehrerer Staaten“ nennen. Vielmehr sei es ein „Mittelding zwischen beiden“. Pufendorf war daran gelegen, das Reich vor „inneren Krankheiten“ zu bewahren. Das lief auf nichts Geringeres hinaus, als die Souveränität des Kaisers zu kräftigen, die Macht, die strategischen und rechtlichen Ressourcen der verschiedenen deutschen Staaten jedoch zu verringern.

Ein zweites Beispiel aus der Fülle der Skizzen und Interpretationen, die der amerikanische Historiker Helmut Walser Smith in seinem inhaltlich weit gefassten Buch über Deutschland und seine Geschichte präsentiert. Wir machen dabei einen Sprung in das frühe 19. Jahrhundert, verlassen die Welt der Fürsten und ihrer Höfe, schauen auf bürgerliche Denker und betreten eine Epoche der Umwälzungen mit neuen Perspektiven, Empfindungen und Wahrnehmungen. Deutschland ist unterworfen und abhängig vom französischen Imperator Napoleon, der sich noch im Glanz seiner Erfolge und der Dominanz, die er über Europa errungen hat, sonnt. 1806 hat er Preußen vernichtend geschlagen, ihm erhebliche finanziellen Lasten aufgeladen und auf seine Kerngebiete östlich der Elbe reduziert. In dieser Phase beginnt, wie der Autor betont, eine „Handvoll Intellektueller in einem unverkennbar nationalistischen Stil zu schreiben.“ Einer davon war Johann Gottlieb Fichte, geboren 1762, etwas mehr als einhundert Jahre nach dem Erscheinen des erwähnten Buches von Samuel Pufendorf.Anfangs ein Anhänger der Französischen Revolution, bescherte ihm die Niederlage Preußens ein politisch philosophisches Erweckungserlebnis. Fortan wurde er zum Propagandisten nicht der Verfassung in den hergebrachten Bahnen des Fürstenstaates, sondern in denen der Nation. Auf die Erklärung eines Gesprächspartners in den 1807 abgefassten Patriotischen Dialogen, er sei Preuße und kein Deutscher, erhält er zur Antwort, dass die „Absonderung des Preußen von den übrigen Deutschen künstlich“ sei, diejenige des „Deutschen von den übrigen Europäischen Nationen“ hingegen natürlich. Jede dieser Nationen sei gleichberechtigt und entwickele sich nach den ihr eigenen Bestimmungen. Als „Hauptgrundsatz“, heißt es an anderer Stelle, habe der Leitsatz zu gelten, dass nur Deutsche den Status von Bürgern erlangen könnten. Die Fremden, etwa die Polen, hätten sich entweder assimiliert oder seien ausgewandert. Hier schon schwang die Sehnsucht nach einer ethnisch integralen Nation mit, die in den Jahrzehnten danach das deutsche Denken nicht mehr verließ und 1933 bis 1945 in ein wahres Schreckensregiment einmündete. Dies Fichte anzulasten, wäre allerdings verfehlt. In seinen berühmten Reden an die deutsche Nation erhob er die „Bildung zu einem neuen Selbst“ zum Medium der nationalen Wiedergeburt. Überdies sei die Nation von einem „Band der Brüderlichkeit“ durchdrungen. Die Nation verstand Fichte als ein „durch einander verwachsenes“ Gebilde der Einheit, in dem der Adel nicht dem Privileg der Geburt entspringe, sondern der Bereitschaft, sich, wie Smith notiert, „für ein Volk zu opfern.“

Gut ein halbes Jahrhundert später werden die Töne entschiedener. Aus Deutschland mit seinen halbwegs souveränen Staaten war das Deutsche Reich geworden, das nicht von August Bebel, Wilhelm Liebknecht und den einstweilen nicht sehr zahlreichen Sozialisten, wohl aber in den bürgerlichen Schichten allenthalben, zum Teil überschwänglich bejubelt wurde. Einer von ihnen war der Historiker und Universitätsprofessor Heinrich von Treitschke. Auf Reisen durch Oberschlesien verspürte er jenseits der Grenzen etwas zutiefst Fremdes. In Galizien beginne, berichtete er seiner Frau, eine „andere Welt“. Der „Abstand“, den er dort erfahre, lehre ihn, was „Preußen für die Gesittung der Menschheit“ bedeute. In Krakau ließ er seine Abneigung gegen die dort wohnenden Juden freien Lauf. Der Antisemitismus, der sich hier Bahn brach, war ein Vorspiel zu jenem Artikel in den von ihm redigierten Preußischen Jahrbüchern von 1879 über die ‚Judenfrage‘, in dem er sich über die Scharen nach Deutschland strebender „hosenverkaufender Jünglinge“ mokierte, „deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen“ würden. Das waren damals handelsübliche, gegen Juden gerichtete Vorurteile, zugleich, wie Smith hervorhebt, waren sie Ausdruck eines „Nationalismus, der zu hassen begann.“

Skizzen und Interpretationen wie diese repräsentieren die eine Dimension des Buches. Sie sind Wahrnehmungen, Erlebnisse, Reflexionen, die Deutschland und das Deutsche ins Auge fassen, dabei von staats- und verfassungsrechtlichen Erörterungen bis hin zu Definitionen des Nationalen und der Nation reichen. Der zweite Bereich zielt auf Visualisierung, auf eine möglichst präzise und korrekte Vergegenwärtigung der deutschen Lande. Diese ändert sich mehrfach, was jeweils die geographischen Kenntnisse und die technischen Möglichkeiten der Kartographen spiegelt. Damit gelingt dem Autor eine ebenso originelle wie dichte, an der Entwicklung der Bilder orientierte Rekonstruktion dessen, was die Zeitgenossen von den kleineren und größeren Regionen Deutschlands wussten und wissen konnten. Es sind Vorstellungen, die zeigen, wie langsam Deutschland oder besser: die zahllosen deutschen Territorien in den Köpfen der Menschen wachsen, sich zusammenfügen oder überhaupt präsent werden. Der Prozess, in dem Deutschlands Gestalt nach und nach sichtbar wird, währt etliche Jahrhunderte, ist zunächst wissenschaftlichem und nicht unbedingt nationalem Vereinigungs- oder gar Expansionsstreben geschuldet.Der Beispiele sind auch hier viele. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts tauchen die ersten Karten auf, die, wie der Autor vermerkt, Deutschland als Raum erklären, überdies als maßstabsgetreue, zweidimensionale Darstellungen angelegt sind. Ein paar Jahrzehnte später erscheint die mehrbändige Topographia Germaniae des Matthäus Merian mit ihren zahlreichen Stadtansichten, die sich nicht auf die Verwüstungen und Schrecknisse des Dreißigjährigen Krieges konzentrieren, sondern die Hoffnung ausdrücken, durch Erinnerung an die frühere „Glückselig- und Herrlichkeit“ die aktuellen und die späteren Generationen zu bewegen, „was noch steht, zu erhalten, was gefallen, wieder aufzurichten, und was verloren, wieder zu bringen“.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts jedoch schwindet das Interesse an nationaler Kartierung, an seine Stelle tritt vielfach das Reisen und das Schreiben darüber. Die Erfahrung des Raumes verändert sich, wer unterwegs ist, benötigt verlässliche Straßenkarten, grenzüberschreitende Touren werden zu Momenten der Erfahrung von Differenz. Land wird begriffen über das Medium der Sprache, über das der Kultur und der Gebräuche, wird idealisiert und romantisiert, wird zum Anlass, in den durchwanderten Regionen und Städten die Gemeinsamkeiten zu entdecken und die scheinbar unzusammenhängenden Teile Deutschlands zusammenzudenken. Das passte einstweilen noch zu jenem Distichon Schillers und Goethes, in dem gefragt wurde: „Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden, wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.“

Am Anfang des 19. Jahrhunderts konstatierte Madame des Staël, Tochter des vorrevolutionären französischen Finanzministers und Deutschlandreisende von Rang, die Deutschen hätten „zuviel Achtung für das Ausland und nicht genug nationale Vorurteile.“ Das freilich änderte sich in den kommenden Epochen, angestoßen durch die Erfahrungen der napoleonischen Expansion in Europa. Damit gewinnt die dritte Dimension an Kontur und spielt im Buch zunehmend eine dominierende Rolle. Gemeint sind die Vorstellungen über die Nation, über das, was sich zum Nationalismus ausweitet, entweder in moderaten oder extremen Tönen zu Gehör bringt.

Die Kapitel, die diese Entwicklungen schildern, legen starkes Gewicht auf die Polarisierungen in der deutschen Gesellschaft, auf Strategien der Abgrenzung vom sogenannten Nicht- oder gar Undeutschen, Ideologien, die spätestens nach dem Ersten Weltkrieg den Alltag, die Innen- ebenso wie die Außenpolitik durchdringen und vergiften. In den späten 1920er Jahren wird sichtbar, dass sie kaum noch zu konterkarieren sind, den Aufstieg des antisemitischen Rechtsradikalismus zur Macht bestimmen, das Reich aber, in dem nur eine Minderheit opponiert, 1945 in den Abgrund stürzen.

Die Aufmerksamkeit dabei gilt vor allem dem Nationalismus vor und nach 1914 sowie dem Adolf Hitlers, dem seiner Bewegung, seiner Adoranten und Mitläufer in der deutschen Gesellschaft. Schon im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts breiten sich auf den verschiedenen Ebenen antisemitische Strömungen aus. Das äußert sich zum einen in vertrauten Ressentiments gegen Juden, zum andern aber, und das ist das neue Element des Antisemitismus, in rassischen Kategorien, die alsbald in rassistische Verdrängungs- und Ausmerzungsfantasien einmünden. Zentrale Bedeutung erhält der Begriff „Volksgemeinschaft“, der zunächst bis in den Ersten Weltkrieg hinein als Zeichen der inneren Einheit verstanden wird, danach aber ein Instrument der Spaltung, der Ausgrenzung und Diskriminierung wird. Vor 1918 ist das eigene Opfer vaterländische Pflicht, nach 1933 wird es externalisiert. Geopfert werden nun die Gegner des Regimes und die Juden. Die Maßnahmen, die man ergreift, werden vom Autor detailliert, anschaulich, mit unerbittlicher Konsequenz präsentiert. Besonders die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten in Deutschland und im besetzten Osteuropa ist ein Hauptstrang der Argumentation. 

Obwohl in den Grundzügen bekannt, lösen die einzelnen Bilder ein eigentümliches, durch nichts zu kompensierendes Grauen aus. Der Krieg lieferte den Vorwand und die Rechtfertigung für die massenhafte Ermordung der europäischen Judenheit. „Kein Krieg, kein Holocaust“, zitiert der Autor den israelischen Historiker Yehuda Bauer. Die Voraussetzung für den von der NS-Regierung propagierten „Lebensraum“ waren die Eroberung und die von Skrupeln freie Nutzung der „Todesräume“ im Osten. Die andere Voraussetzung war das Stillschweigen, war die passive Hinnahme bis hin zur aktiven Unterstützung durch große Teile der deutschen Bevölkerung. Das gehörte zu den Schatten, die auf die Nachkriegsrepublik fielen. Ihnen zu entkommen, fiel und fällt schwer. Darüber nachzudenken, überhaupt die jüngste Vergangenheit nicht aus dem Sinn zu verlieren, bietet das gehaltvolle Buch von Helmut Walser Smith mannigfache Anregungen.

Die nächste Ausgabe erscheint am 6. Oktober 2022. Wir bitten um Unterstützung durch ein Online-Abo!