Documenta: Neue antisemitische Propaganda – schlecht versteckt hinter Klebestreifen

Auf der Documenta in Kassel ist erneut ein diskussionswürdiges Motiv entdeckt worden –. Und der Umgang mit diesem Vorfall versetzt wieder in Erstaunen. Das Kollektiv steht seit Beginn des bedeutenden Kunstfestivals in Kassel Mitte Juni im Zentrum der Kritik, weil auf seinem Banner „People’s Justice“ eine eindeutig antisemitische Zeichnung gefunden worden war. Seit zwei Monaten nun schwelt der Antisemitismus in Kassel, immer neue Funde lassen den Ruf der Documenta erodieren. Zuletzt hatte gar der Documenta-Teilnehmer Hamja Ahsan über den deutschen Bundeskanzler auf Twitter verbreitet, er sei ein „neoliberal fascist pig“, ein neoliberales, faschistisches Schwein.

Der neue Fund im Hallenbad Ost zeigt nun das Motiv des raffgierigen Juden mit langer Nase und Geldsack. Den Künstlern und Verantwortlichen aber war das fragwürdige Motiv bereits aufgefallen, der antisemitische Inhalt bekannt, denn er wurde in Teilen überklebt – offenbar, um das augenscheinlichste Merkmal der NS-artigen Propaganda zu verbergen: die Kopfbedeckung des Juden, die aber auf älteren Fotos des Bildes deutlich zu erkennen ist

Aufgefallen war das Detail Mitgliedern der (DIG), die zum Antisemitismus auf der Documenta recherchieren. Lasse Schauder, Sprecher der Kasseler Sektion der DIG-Nachwuchsorganisation „Junges Forum“, das den Vorfall am Montag, den 15. August, auf Twitter öffentlich gemacht hatte, sagte: „Offenbar ist man sich über den eigenen Antisemitismus auch bewusst, ansonsten würde man das Werk schließlich nicht still und heimlich überkleben.“ Und der Bundesvorsitzende des „Jungen Forums“ der DIG, Constantin Ganß, forderte, die Gruppe Taring Padi sofort von der Documenta auszuschließen.

Auf dem Triptychon „People’s justice“, das vor Verhüllung und schlussendlichem Abbau prominent auf dem Kasseler Friedrichsplatz gezeigt worden war, hatte das Kollektiv Juden als schweinsartige Schlächter und Ungeheuer gezeigt.

In den Wochen danach tauchten weitere fragwürdige Darstellungen auf, die Soldaten der israelischen Streitkräfte unter anderem als hinterhältige Mörder darstellen – neben dem Juden als Ungeheuer oder als raffgierigem Geschäftemacher ein weiteres tradiertes antisemitisches Motiv, das über die NS-Zeit hinaus in die Zeit des klassischen christlichen Antisemitismus verweist und ebenfalls verbreitet ist. Außer diesen Motiven sind auf der Documenta Kunstwerke zu sehen, die unter israelbezogenen Antisemitismus fallen, wenn etwa die Streitkräfte des demokratischen Staates Israels zwar nicht visuell propagandistisch verzerrt dargestellt, aber mit den Streitkräften von Nazi-Deutschland gleichgestellt werden.

Ruangrupa kann keinen Antisemitismus erkennen

Das Kollektiv Ruangrupa erklärte als künstlerische Leitung in Rücksprache mit Taring Padi am Dienstag, den 16. August, dass in dem jüngst problematisierten Werk „keinerlei antisemitische Bildsprache zu verzeichnen“ sei. „Wir tragen derzeit umfassende Informationen zusammen, um dies auch Kritiker*innen deutlich zu machen“, teilt die Documenta mit. Dazu will Ruangruapa das „zur Diskussion stehende Bildmaterial unter Beteiligung der verantwortlichen Künstlergruppe erläutern“. In diesem Zuge solle dann auch „reflektiert“ werden, wie es „zu einer Veränderung der Bildbeiträge“ – gemeint ist das Überkleben einer Kippa – gekommen sei.

Am Mittwoch, den 17. August, dann die Überraschung: Die „“ schrieb unter Berufung auf Ruangrupa, der überklebte Ausschnitt des Triptychons zeige im Original keine „Darstellung einer jüdischen religiösen Kopfbedeckung“. Stattdessen handele es sich um eine weit verbreitete indonesische Kopfbedeckung namens „kopiah“ oder „peci“, die auch ein Bestandteil des indonesischen Puppenspiels sei.

Die Entscheidung zur Überklebung sei aus „Einfühlungsvermögen gegenüber der breiten Öffentlichkeit und als Präventivmaßnahme gegen eine mögliche Fehlinterpretation als ‚Kippah‘ in der damals hitzigen und rasanten Debatte“ geschehen. „Jeder/m Künstler*in“, so zitiert die „taz“ weiter, stehe es frei, „ihr oder sein Werk zu bemalen, zu bekleben oder anderweitig zu bearbeiten“. In diesem Fall sei dies nicht geschehen, um etwas zu vertuschen, sondern als ästhetische Entscheidung, um auf den unmittelbaren Kontext, in dem das Werk gezeigt wurde, zu reagieren.

Diese völlig krude Denk- und Vorgehensweise erhöht nun wieder einmal die Erwartungen, die auf der „Expertenkommission“ lastet, eingesetzt zur Sichtung der gesamten Ausstellung. Alexander Farenholtz, Interims-Chef der Documenta GmbH, hat sich bislang nicht öffentlich zu dem Vorgang geäußert. Er hatte das Amt erst vor kurzem übernommen, nachdem seine Vorgängerin Sabine Schormann nach heftiger Kritik zurückgetreten war.