Präsidentschaftswahl in Kenia: Der Wahlkampf als lukratives Geschäft

In wenigen Tagen wird in Kenia ein neuer Präsident gewählt. Vor allem junge Menschen haben kaum Vertrauen in die Politik. Die Angst vor Gewalt wächst.

Die Kenianerin Diana Mwazi hat dieser Tage einen aus ihrer Sicht lukrativen Job: Sie mobilisiert Menschen für Kundgebungen im laufenden Wahlkampf. Pro Veranstaltung verdient sie 500 kenianische Schilling, umgerechnet rund vier Euro, wie sie dem britischen Sender BBC erzählte.

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Ebenso viel bekommen die Teilnehmenden, die Mwazi mobilisiert. In dem ostafrikanischen Land werden am 9. August ein neuer Präsident, Senat und Parlament, Lokalparlamente, Gouverneurinnen und Gouverneure sowie Frauenvertretungen der 47 Lokalparlamente gewählt. Kundgebungen gibt es also einige vor dem am Dienstag anstehenden Mammut-Wahltag.

Rund 22 Millionen Menschen haben sich für die Wahlen registrieren lassen. Bei einer Bevölkerung von rund 54 Millionen Menschen zeigt das ein eher mäßiges Interesse. Auch die 20-jährige Mwazi, die in einem der größten Slums der Hauptstadt Nairobi lebt, will selbst nicht wählen. „Die Politiker sind alle Lügner“, findet sie.

„Während des Wahlkampfs strömen sie in die Slums und versprechen alles Mögliche. Aber wenn man sie dann wählt, tun sie nichts“, sagte sie gegenüber der BBC. Die gebrochenen Versprechen machen ihr den Nebenjob leicht: Es gibt etliche junge Menschen, die keine reguläre Arbeit haben und gerne für Geld einem Kandidaten applaudieren.

Weil Mwazi viele Kolleginnen im analogen und im digitalen Raum hat, sind die Chancen der Bewerber schwer einzuschätzen. Vier Männer haben sich für den Posten des Staatsoberhauptes aufstellen lassen. Das Rennen zwischen den beiden aussichtsreichsten Kandidaten Raila Odinga (77) und dem derzeitigen Vizepräsidenten William Ruto (55) wird den Umfragen zufolge ausgesprochen knapp. Das schürt die Sorge vor Ausschreitungen, die seit der bürgerkriegsähnlichen Gewalt im Nachgang der Wahlen von Ende 2007 jede Abstimmung in Kenia begleitet.

Der (60) darf nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten. Statt seinen Vizepräsidenten Ruto zu unterstützen, spricht er sich für den wichtigsten Oppositionskandidaten Odinga aus. Dabei hatte er Ruto seine Unterstützung ursprünglich fest versprochen. Der öffentliche Streit zwischen den beiden Männern veranlasste die Bischöfe von Kenia dazu, sie dazu aufzufordern, einen friedlichen Machtübergang zu garantieren - wer auch immer die Präsidentschaftswahl gewinnt.

Ungewöhnlich am diesjährigen Wahlkampf ist, dass er nicht nur entlang ethnischer Linien verläuft. Ruto stellt ein soziales Thema in den Mittelpunkt: Er präsentiert sich als „Hustler“ oder Mann des Volkes, der sich hochgearbeitet hat. Damit versucht er, sich trotz seines erheblichen Vermögens propagandistisch von der alten politischen Elite zu distanzieren, deren Teil er vor allem als Vizepräsident nun acht Jahre lang war. Sein Konkurrent Odinga hingegen verspricht dem ärmsten Bevölkerungsteil eine monatliche Sozialhilfe von umgerechnet knapp 50 Euro.

Doch Aussichten auf Einlösung hat das Versprechen kaum. Kenia steckt in einer tiefen Schuldenkrise, die ein Vermächtnis der Regierung Kenyattas und Rutos ist. Im Gegenzug für weitere Unterstützung verlangt der Internationale Währungsfonds harte Sparmaßnahmen. Sollte er sich zurückziehen, droht eine Verschärfung der Krise.

Dass auch über die Chancen von Frauen gesprochen wird, liegt an einem Schachzug des Oppositionskandidaten Odinga. Er will die ehemalige Justizministerin Martha Karua (64) zu seiner Vizepräsidentin machen, sollte er die Wahl gewinnen. Allerdings ging es Odinga, einem Luo, nicht um die Frauen, sondern um die Stimmen der Kikuyu-Ethnie, der die anerkannte Juristin Karua angehört. Mit rund einem Drittel am Bevölkerungsanteil sind die Kikuyu, zu der auch Kenyatta gehört, die größte Volksgruppe Kenias. Obwohl sie fast sechs Millionen Stimmen bringen, stellen sie keinen eigenen Bewerber.

Mit dem Geschäftsmann Rigathi Gachagua (57), der wegen des Vorwurfs der Geldwäsche und Veruntreuung angeklagt ist, hat auch Ruto einen Angehörigen der Kikuyu zu seinem Vizepräsidenten ernannt. Um bei der Geschlechterfrage nachzuziehen, versprach Ruto im Falle seines Sieges zehn der laut Verfassung höchstens 22 Ministerposten an Frauen zu vergeben.

Der Wahlkampf gilt mit Ausgaben von geschätzt insgesamt einer Milliarde US-Dollar als der teuerste in der kenianischen Geschichte. Derweil leidet die Bevölkerung unter den extrem gestiegenen Lebenshaltungskosten.

Sie treffen ein Land, das nach einer und den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie Die Kampagnen-Helferin Mwazi hält deshalb immerhin den Wahlkampf für nützlich. Das Zusatzeinkommen hilft ihr wenigstens vorübergehend dabei, ihre Rechnungen zu begleichen. (epd)