Das Geschäft mit der Atomkraft brummt

Die Gesellschaft für Nuklear-Service baut in Mülheim pro Jahr 80 Castor-Behälter für abgebrannte Brennelemente. Auch ohne deutsche Atomkraftwerke läuft das Geschäft weiter.

Nach dem Atomgesetz erlischt die Betriebsgenehmigung für die drei noch verbliebenen deutschen Kernkraftwerke Emsland, Neckarwestheim 2 und Isar 2 am Ende dieses Jahres. Doch ob sie tatsächlich abgeschaltet werden oder im Kontext der Energiekrise noch werden, darüber ist noch keine Entscheidung gefallen. Selbst die Grünen in der Berliner Ampelkoalition lehnen einen Weiterbetrieb nicht mehr strikt ab.

Für Isar 2 etwa scheint ein sogenannter Streckbetrieb möglich zu sein, da Bayern seine Energie vor allem aus zwei Quellen bezieht: aus Gas und Atomkraft. Wegen der Kürzung der russischen Gaslieferungen plädiert die FDP für einen Weiterbetrieb der drei Kernkraftwerke und aus Kreisen der Union kommt sogar die Forderung, die bereits abgeschalteten Reaktoren Grohnde und Gundremmingen wieder anzufahren.

Es dauert bis zu fünfzehn Jahre bis ein Atomkraftwerk rückgebaut und entsorgt ist. Dafür ist nach Branchenangaben pro Anlage ein hoher dreistelliger Millionenbetrag nötig.

Wie immer die Entscheidung ausfallen mag, ein Zulieferer ist in keinem Fall verzichtbar: die Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS). Sie stellt die Castoren zur Einlagerung der abgebrannten Brennelement her.

Nur wenige Kilometer Luftlinie vom Unternehmenssitz in Essen entfernt, werden die Castoren in einer zweistöckigen 200 Meter langen Halle in Mülheim zusammengebaut, sagt Michael Köbl von der GNS formuliert. "Wir bekommen von mehreren Lieferanten die Hauptbauteile. Also zum einen große Behälter, der aus Guss gefertigt sind und um die 80 Tonnen wiegen. Hinzu kommen die Deckelsysteme aus Edelstahl, die auch mehrere Tonnen pro Stück wiegen, und Tragekörbe, in die die eigentlichen Brennelemente eingestellt werden." "Alles", betont Köbl, "wird hier per Hand zusammengebaut." Bei der Endmontage muss jeder Handgriff sitzen. Schließlich sollen die Zwischenlagerbehälter mindestens 40 Jahre dichthalten.

Rund zwei Millionen Euro kostet ein solcher fünf Meter hoher und zweieinhalb Meter breiter Metallkoloss. Außen ist der Castor mit Kühlrippen überzogen, die an Heizkörper erinnern. Sie sollen dafür sorgen, dass die Temperatur von einigen hundert Grad Celsius der eingelagerten Brennelemente nach außen gleichmäßig bis auf 80 Grad abgesenkt wird.

Seit mehr als 40 Jahren bietet GNS Lösungen zur nuklearen Entsorgung während Betrieb und Stilllegung von Kernkraftwerken und kerntechnischen Einrichtungen an

Bis zum Ausstiegsbeschluss aus der Kernenergie im Jahr 2011 belieferte die GNS die deutschen Kernkraftwerke mit 50 Castoren pro Jahr. Seither, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung Daniel Oehr, sei der Bedarf gestiegen. "Wir liefern im Moment rund 80 Castoren an die deutschen Kunden." Pro Betriebsjahr benötigt ein Kernkraftwerk im Schnitt drei Castoren. Ausgelegt ist der Castor sowohl für Brennelemente aus Siedewasser- als auch aus Druckwasserreaktoren.

Von der Bestellung bis zur Auslieferung vergehen übrigens mehr als zwei Jahre. Und daran dürfte sich auch absehbar nichts ändern, egal ob die verbliebenen Kernkraftwerke in Betrieb bleiben oder nicht. Außerdem beliefert die GNS auch Partner in Belgien und der Schweiz mit Castoren für die dortigen Kernkraftwerke. Daniel Oehr geht davon aus, dass die letzten Brennelemente der deutschen Kernkraftwerke ab etwa 2027 in Castoren verpackt sein werden - fertig für die Zwischenlagerung.

Ein Ende des Geschäfts wird das aber nicht bedeuten, denn Castoren aus deutscher Fertigung sind auch außerhalb Europas gefragt. In Japan etwa, das weiter auf Kernenergie setzt, hat man vor geraumer Zeit eine eigene Gesellschaft gegründet, um das Zulassungsverfahren dort voranzubringen. Für die GNS bezeichnet Daniel Oehr Japan als "einen der Fokus-Märkte, wo wir einen hohen Bedarf sehen in den nächsten Jahren und wo wir den Castor als marktfähiges Produkt gern auch platzieren möchten". Außerdem hat man als Absatzmarkt auch Taiwan im Visier. "Und Korea ist letztlich das dritte strategische Fokus-Land, wo wir sehen, dass sehr stark nach Deutschland geschaut wird, was in der deutschen nuklearen Entsorgungswelt passiert. Auch dort sehen wir gute Absatzchancen für unsere Castoren."

Hinter der GNS stehen als Gesellschafter die vier Energieversorgungsunternehmen Preussen Elektra, RWE, Vattenfall und EnBW, die mit der Geschäftsentwicklung zufrieden sein dürften. Mit 750 Mitarbeitern erzielt die GNS-Gruppe einen Jahresumsatz von rund 250 Millionen Euro. Allein im Geschäftsbereich "Behälter" verfügt die GNS nach den Worten von Daniel Oehr "aktuell über volle Auftragsbücher". Und Oehr sieht sehr gute Zukunftschancen für seine Produkte, denn das Unternehmen bietet noch mehr als Castoren.

"Wir produzieren mit unserem Eisenwerk Bassum auch die Stahlblechcontainer, die notwendig sind, um ein deutsches Kernkraftwerk zu entsorgen." Dabei handelt es sich um Stahlblechcontainer unterschiedlicher Größe im Format eines Schiffscontainers, in die beim Rückbau eines Kernkraftwerkes zerlegte belastete Bestandteile landen. Bis hin zu Lagergestellen für Brennelemente.

Ob die letzten drei Kernkraftwerke noch über das Jahresende hinaus in Betrieb bleiben oder doch vom Netz gehen, der Absatz von Castoren ist in jedem Fall noch für Jahre gesichert. Außerdem verfügt die GNS mit dem Geschäftsfeld Rückbau und Entsorgung von Kernkraftwerken bereits über ein zweites Standbein. "Und auch dort," bilanziert Daniel Oehr, "haben wir extrem volle Auftragsbücher über die nächste Dekade hinaus."